Städte wollen halten, was sie versprechen
- MITTELSTANDSOFFENSIVE: Region beim NRW-Modellprojekt bestens vertreten
Wirtschaftsförderung ist nicht allein die Schaffung von Industriegebieten. Wirtschaftsförderung fängt schon mit dem Anruf eines ratlosen Existenzgründers im Rathaus an. Damit Anfragen nicht im Dschungel von Zuständigkeiten und Vorschriften versanden, sind die kommunalen Verwaltungen zunehmend damit beschäftigt, ihre internen Strukturen zu verbessern. Das NRW-Modellprojekt „Mittelstandsfreundliche Verwaltung“ könnte der Emscher-Lippe-Region dabei einen kräftigen Schub verleihen.
Die Städte Gelsenkirchen und Castrop-Rauxel sowie der Kreis Recklinghausen arbeiten zu Zeit für das nordrheinwestfälische Wirtschaftsministerium an Projekten, die landesweit Schule machen sollen. Das Trio aus der Region stellt damit gleich ein Viertel der zwölf NRW-Modellkommunen und –kreise. Das Ziel aller Bemühungen: Sämtliche mit Unternehmensansiedlungen oder –erweiterungen verbundenen Verwaltungsvorgänge – von der Gewerbeanmeldung bis zur Baugenehmigung - sollen schneller und unbürokratischer abgewickelt werden. Motto: Jede Investition, jeder neue Arbeitsplatz zählt.
Die Beteiligten setzen sich selbst unter Erfolgsdruck. Der Kreis Recklinghausen zum Beispiel will mit seinen zehn Städten dafür sorgen, das Serviceversprechen nicht nur gemacht, sondern auch eingehalten werden. Ein unabhängiger Zertifizierer soll das überprüfen. Eine Stadt, die die insgesamt 19 Kriterien erfüllt, darf sich mit einem „Gütesiegel“ schmücken. Die Kommune muss dann allerdings sicherstellen, dass 95% aller Gewerbeanmeldungen innerhalb von 24 Stunden erledigt sind oder 80 % innerhalb von acht Wochen erteilt werden. Niemand soll länger als 14 Tage auf eine Beratung warten müssen. Ein erster Rückruf muss schon innerhalb von 48 Stunden erfolgen. Ein Landkreis als „Gütesiegelgemeinschaft“ – das gebe es in Deutschland noch nicht, sagt Peter Haumann, Wirtschaftsförderer des Kreises. „Wir haben das ehrgeizige Ziel, das Vorzeigeprojekt im Land zu werden.“
Castrop-Rauxel hat ein Serviceheft herausgegeben in dem neue Unternehmen kurz und knapp für Finanzierungshilfen, Genehmigungen und Standortfragen sensibilisiert werden. Bestandteil ist auch die „CasCard“, die den Unternehmern neben Serviceleistungen von A wie Autovermietung bis Z wie Zeitung vor allem zentralen Ansprechpartnern im Rathaus garantiert – und das über eine Hotline rund um die Uhr! „Wir wollen jedem, der ein Gewerbe anmeldet, einen roten Teppich ausrollen“, verspricht Wirtschaftsförderer Hans-Werner Diel.
Leuchtturm der Castrop-Rauxeler Mittelstandsoffensive ist jedoch SplD, das „Servicepaket Industrienahe Dienstleister“. Die Stadt will neue Formen der Kooperation zwischen den rund 250 industrienahen Dienstleistern in Castrop-Rauxel initiieren. Gemeinsamer Stromeinkauf, ein spezielles Internet Portal, Leistungen im Verbund oder ein Personal-Pool sind Beispiele, mit denen sich die Unternehmen beschäftigen. Ehrgeiziges Ziel der Stadt ist die Schaffung eines Mittelstandsparks für Industrienahe Dienstleister auf einer ehemaligen Bergbaufläche.
Gelsenkirchen ist dabei, ein „Servicenetzwerk Mittelstand“ zu knüpfen. In der Verwaltung wurden zwölf Mitarbeiter zu „ Mittelstandsberatern“ qualifiziert, die als zentrale Ansprechpartner für die Wirtschaft bereit stehen und die Interessen der Unternehmer bei allen Verwaltungsvorgängern vertreten. Mit PR-Aktionen will die Wirtschaftsförderung die Gesichter der Berater sowie deren Adressen und Telefonnummern den Unternehmern bekannt machen. Ein Internet-Angebot mit Informationen, Formular Download und direkten Kontaktmöglichkeiten sollte am 11. Februar freigeschaltet werden kündigte Projektleiter Heinz Dörseln an.
Alle Aktivitäten in Gelsenkirchen, Castrop-Rauxel und im Kreis RE sollen nach Möglichkeit auf die gesamte Region übertragen werden. So könnte auch der Handwerkerparkausweis, den der Kreis RE im Rahmen des Modellprojektes zum „Spottpreis“ von 50 € Jahresgebühr eingeführt hat, bald auch in Gelsenkirchen und Bottrop gelten. Hans Werner Diel geht davon aus, dass aus der bereits 900 Mal ausgegebenen „CasCard“ demnächst eine „Emscher-Lippe-Card“ wird. Gemeinsam arbeitet die Region zudem an einem „Planungs- und Informationsportal“ im Internet, einer Weiterentwicklung des Flächenatlas „GISELA“. Planer und Investoren können sich hier punktgenau informieren, was an welchem Standort möglich ist und wer bei Fragen und Problemen weiterhilft. Die Internet-Präsentation (www.regioplaner.de) befindet sich noch im Aufbau. Der Startschuss soll im April erfolgen.
Quelle: o.V.: Städte wollen halten, was sie versprechen. In: Recklinghäuser Zeitung, vom 10.02.2004.

